Wulferthaus

Wulferthaus_01_Wulferthaus_1900.jpg_g

1560 wurde am Neuen Markt 2 durch den Kaufmann und Ratsherrn Jobst Wulfert das später nach ihm benannte Wulfert-Haus erbaut. Seinen grandiosen Ziergiebel erhielt es jedoch erst gegen 1577/78. Möglicherweise hatte der steinerne Unterbau bis zu diesem Zeitpunkt noch einen Fachwerkaufsatz.

Das später auch Biermannsches oder Deutsches Haus genannte Gebäude  ist aus mehreren Gründen etwas Besonderes. Das Gebäude mit dem auffälligen Zierrat, der heute der Lipperenaissance zugerechnet wird, wurde im oberen Teil aus Backstein gemauert. Die Mauerflächen sind mit großen Ornamentmustern durchzogen. In den Giebelstufen schwingen große Volutenbänder. Auf den Mittelstufen des Giebels stehen Adam und Eva, weitere Menschen und Tierköpfe sind eingearbeitet. Es zeigt eindrucksvoll das Selbstbewusstsein des Herforder Kaufmanns- und Bürgertums. Möglicherweise kann der Bau Meister Johannes von Brachum zugeschrieben werden, der unter anderem an den Schlossbauten in Assen, Hovestadt, Holtfeld und Overhagen beschäftigt war.

Wie auch beim Frühherrenhaus wurde irgendwann das Äußere des Gebäudes erheblich verändert. Es wurden nicht nur die großen Fenster zur Credenstraße vermauert, die untere Hälfte der Zierfassade wurde fast vollständig verbaut, ein spätgotischer Erker abgebrochen. 1817 wurde zwischen der königlich preußischen Regierung in Minden und dem Herforder Bürger und Gastwirt Johann Christian Lefelmann ein Speisungscontrakt vereinbart, in dem der sich gegen ein Entgelt von je 12 guten Groschen pro Person verpflichtete, verschiedene Personengruppen zu bewirten.

Seit dem 20. April 1894 ist das Gebäude im Besitz der Familie Biermann, heute Witte. Von den Eigentümern wurde das Haus zwischen 1977 bis 1979 umfassend restauriert. Zu Beginn der Arbeiten ahnte niemand, dass das Gebäude zum Abschluss ein neues Antlitz haben würde. Überraschend wurden unter dem Putz alte Ansätze des Erkers und andere Reste ehemaliger Bauelemente gefunden. Auf Grund dieser Befunde wurden unter anderem der Dielentorbogen und die unteren Giebelfenster erneuert. Der Fronterker wurde in Anlehnung an vergleichbare Vorbilder, zu denen unter anderem das Wippermann-Haus in Lemgo gehörte, einfühlsam rekonstruiert.

Zur Credenstraße hin wurde das 2,05 Meter breite und 3,65 Meter hohe, vierbahnige Fenster rekonstruiert. Alles Originale wurde erhalten, die neuen Teile der Werksteine durch Obernkirchner Sandstein ergänzt.

Vermutlich wurde zu jeder Zeit Handel in dem Hause betrieben. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts schreibt ein alter Herforder: “Haus Biermann, früher einfach Haferkiste genannt. Beherbergte stets ein Kolonialwarengeschäft. Hatte früher einen Ausspann für die Landleute, vor dem Haus war eine Brückenwaage. Auf einer mächtigen Haferkiste im Hausflur saßen die Fuhrleute und tranken ihren Korn.” In den zwanziger Jahren wurde durch die Stadt der Betrieb der Waage verboten. Die Begründung kommt seltsam bekannt daher: Man wolle den Verkehr aus der Stadt heraus halten.

Literatur: Westfalen, Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde 62. Band 1984

Leave a Reply