Steintor

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Bereits im 9. Jahrhundert ließen sich in der Radewig Kaufleute nieder, deren erste Siedlung
lediglich durch einfache Palisaden geschützt wurde. Erst im 13. Jahrhundert umgab sich die Stadt komplett mit einer steinernen Stadtmauer. Ursprünglich wohl nur durch die Stadtmauer und einen Graben, den Binnengraben geschützt, kamen später eine weitere Brücke und der heutige Stadtgraben hinzu. Spätestens ab dem 16. Jahrhundert befand sich eine imposante Mehrtoranlage am Steintor. Von Westen führte die Fernhandelsstraße aus der Norddeutschen Tiefebene zur Stadt. Nachdem sie möglicherweise den Pass bei Rödinghausen passiert hatten, zogen die Kaufleute über den Bünder Hohlweg oder dem aus Enger kommenden Handelsweg nach Herford. Von hier wurde die Stadt Mitte des 17. Jahrhunderts auf eine Tiefe von ca. 60m durch drei Tore, zwei Gräben und eine Zugbrücke geschützt.
Wer auf der Steintorbrücke in den Stadtgraben schaut, bekommt einen kleinen Eindruck von der Mächtigkeit der Anlage. Was für eine Leistung, mit einfachsten Mitteln wurde der Stadtgraben bis zur Sohle ausgehoben. Der Vorgänger dieser Brücke war Zeuge eines besonders dreisten Überfalls. Im Auftrag des Großen Kurfürsten sollte der Kommandant der Sparrenburg, Ernst von Eller, die freie Reichsstadt überrumpeln. Ort der schändlichen Tat: das Steintor. Am 30. August 1647 überlistete der im Dienste der Brandenburger stehende Amtmann zu Enger, Otto Consbruch, die Wache am Steintor und die feindlichen Truppen drangen gewaltsam in die Stadt ein. Wenn sich das Kriegsvolk auch nach einiger Zeit zurück zog, das Ende der freien Reichsstadt Herford war mittlerweile eingeläutet.
Hatten die Herforder das Tor im Dreißigjährigen Krieg noch einmal verstärkt, wurde die Toranlage danach in Etappen abgebrochen und zurückgebaut.
Durch das Tor zieht sich noch heute die Steinstraße Richtung Gänsemarkt. Sie war im Mittelalter eine der Hauptverkehrsstraßen. Nach rechts zweigt die Kleine Mauerstraße ab, die bis zur Brudtlachtstraße führt. In diesem Bereich waren die einfachen Häuser der Armen direkt an die Stadtmauer angebaut. Dabei diente die Stadtmauer gleichzeitig als Rückwand der Häuser. Ende des 19.Jahrhunderts hieß das Stückentsprechend noch Hinter der Mauer. Nach links führte die Steintorstraße als Sackgasse bis zum Krankenhaus, heute Technisches Rathaus. Im Mittelalter befand sich hier das Gut Odenhausen. Ihm wurde bereits 973 von Otto dem Großen das Markt-, Münz- und Zollrecht bestätigt.
An der Grenze zum Grundstück endete die öffentliche Straße. Über einen kleinen Weg konnte man lediglich von dort quer bis zum Wall durchgehen. Nach dem Durchbruch des Innenstadtringes blieb von der Steintorstraße nur noch ein kleiner Rest von wenigen Metern.
Hinter dem Gänsemarkt mündete die Steinstraße in die Radewiger Straße, welche wiederum in das Stadtzentrum führte.
1874 baute sich der Herforder Fabrikant Schönfeld nur wenige Schritte entfernt eine Villa auf den Resten einer Befestigungsanlage aus dem Dreißigjährigen Krieg. Für diese ehemalige Bastion hatte man um 1626 einen mehr als 10 m hohen Hügel aus Schwemmsanden aufgeschoben. Eine mühselige Arbeit. Deshalb wurde der Bereich später offenbar Jammertal genannt. Auf dem befestigten Rondell befand sich eine Kanonenbatterie. Diese standen weit vor. So war es ohne weiteres möglich, zum Schutz der Stadttore selbst die hölzernen Brücken wegzuschießen. Außerdem wurde durch die Höhe der Verteidigungsanlage die Gefahr, die von dem hochgelegenen Gebiet an der heutigen Kreishausstraße ausging, eingedämmt werden. Abgefeuert wurden die Geschütze im Laufe der Jahre jedoch höchstens zu Übungszwecken.
1808 musste die alte Steintorbrücke abgebrochen werden und der heutige Brückenbogen über den Stadtgraben gespannt. Es gibt Berichte, nach denen der französische Baumeister auch Steine der abgebrochenen Franziskanerkirche hier verbaut habe. Wenige Jahre später wurde an der Brücke ein ganz besonderer Zoll erhoben, an der Landesgrenze zwischen dem Königreich Westfalen und Frankreich. 1883 wurde das vom Verschönerungsverein hergerichtete Stück Wall zwischen Deichtor und Steintor allgemein als Promenade freigegeben. Es war das erste Stück der Wallpromenade, die etwa dreißig Jahre später 1914 am Renntor fertig gestellt wurde.
Als man nach den Innenstadtring auch durch Radewig brach, wurde ab 1977 der Bereich um die Brücke vollkommen verändert. Mehrere Unterführungen entstanden, dazu eine neue Brücke. Die Steintorbrücke und die Steinstraße hatten als Verkehrsverbindung in die Innenstadt ausgedient.