Radewiger Mühle

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Dass die Mühle hier an der Aa entstand, hängt mit der Errichtung der ersten massiven Befestigung der Stadt zusammen. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass die erste Verteidigungsanlage rund um Herford um 1250 fertig gestellt war. Dafür mussten mehrere Gräben gezogen werden. Einer dieser Binnengräben lief um die Radewig. Damit er genug Wasser führen konnte, musste die Aa oberhalb der Stadt angestaut werden. Dieses Stauwerk ermöglichte zusätzlich das Betreiben des mittelschlächtigen Mühlenrades der abteilichen Mühle. Der Wasserdurchlass an der Stadtmauer wurde durch zwei Türme mit einem Wachgang gesichert, dem Retberg. Erst beim Umbau 1933 wurden die letzten Reste der Befestigung abgebrochen. Vermutlich im 15. Jahrhundert wurde vor dem Binnengraben ein zweiter ausgehoben, der Butengraben, der jetzige Stadtgraben. Die Binnengräben sind heute nicht mehr erhalten.

Im Mittelalter traute man dem Müller nicht über den Weg. Er gehörte zu den unehrlichen Gewerken. Davon zeugt noch heute die Redensart “etwas abstauben”. War man sich doch nicht sicher, ob der Müller tatsächlich das gesamte gemahlene Getreide zurück gab oder etwas abgestaubt hatte. Im Bereich des Wehres befand sich der Hexenkolk, in dem die Wasserprobe an der Hexerei angeklagten Frauen vollzogen wurde.
Noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gehörte zur Mühle eine eigene Mühlengerechtigkeit, die für bestimmte Bauern einen Ablieferungszwang des geernteten Getreides an die Mühle beinhaltet. Betrieben wurde die Anlage als Kornmühle, aber auch Öl- und Bokemühle. In einer Bokemühle wurden Hanf und Flachs zur Herstellung von Garnfasern gestampft. Die Mühle brannte mehrmals ab. Bekannt ist, dass sie 1845 vollkommen neu aufgebaut werden musste. Nach einem weiteren Brand im Jahr 1912 wurde die Mühle weiter ausgebaut.

Nachdem die Mühle von der Abtei über viele Jahre an verschiedene Lehnträger verpachtet war, kaufte sie 1560 Jasper von Quernheim. Von 1604 bis 1765 gehörte der Mühlenkomplex der Stadt. Danach wechselten bis zur Stilllegung am 31. Januar 1960 mehrmals die Besitzer. Seit 1979 wird der umgebaute Komplex als Wohn- und Geschäftshaus genutzt.

Am 12. Januar 1931 beschloss Magistrat und Baukommission, Wehr und Kolk an der Aa umzubauen. Nach dem Abbruch des alten Wehres wurde das neue Stauwerk etwa 4 m weiter oberhalb errichtet.

Literatur: Wehr der Radewiger Mühle. Remensnider 2005/ 1
Mühlen im Kreis Herford, Christoph Mörstedt 1995