Kriegerehrenmal “Opfertod”

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Münsterkirchplatz

 

Eingeweiht 20. November 1927
Bronze auf Sandsteinsockel, Sockel 1,50 m hoch
13. Juni 1940 entfernt und eingeschmolzen

 

Künstler:
Prof. Ernst Paul Hinckeldey, *12.04.1893 in Arnstadt, †11. 11.1953 in Herford

 

Lehre als Bildhauer, danach Kunstgewerbeschule Berlin. Hatte hier die Chance, ohne an der Hochschule für Bildende Künste zu studieren, gleich als Meisterschüler der Kunstakademie beizutreten. 1919 erhielt er  den Rompreis, 1920 den Großen Staatspreis.
Kunstausstellungen in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre in Berlin, München und Weimar.
Ab 1929 Herford, später Berlin.
Sein Atelier wird zerbombt, alle Arbeiten dabei zerstört.
Nach dem Krieg wird es ruhig um den Bildhauer, der bis zu seinem Tod in Herford wohnt.

 

Arbeiten in Herford:
1928 Gedenktafel zur Erinnerung an das Infanterie-Regiment Nr. 17, an der früher als Garnisonskirche dienenden reformierten Petri-Kirche, Wilhelmsplatz.
1937 Denkmal für Otto Weddigen Friedhof Hermannstraße
1953 Sockel für das Jahndenkmal, Jahnstraße

Die Wunden, die der I. Weltkrieg geschlagen hatte, waren noch frisch. Viele Herforder hatten Freunde und Angehörige verloren. Trauer musste bewältigt werden, man brauchte einen Ort, um zu gedenken. Seit Ende 1923 wurden von Seiten des Ortsverbandes der soldatischen Vereine mit der Stadt und der Münsterkirchgemeinde mehrere Gespräche über die Errichtung eines Kriegerehrenmal für die im Kriege 1914-1918 gefallenen Soldaten geführt. Es ging um den Münsterkirchplatz. An der Ecke zur Mausefalle standen noch bis 1923 die Restauration von Hermann Acker und die dazugehörige Turnhalle. Nachdem die Stadt die Gebäude abgebrochen hatte, um die Elisabethstraße zu verbreitern, überließ sie das restliche Gelände der Münsterkirchgemeinde für eine kleine Parkanlage. Jetzt wurde der Münsterkirchlatz grundlegend  umgestaltet.

Am 18. Oktober 1926 schloss die Stadt mit der Gemeinde der Münsterkirche den Vertrag über die Aufstellung des Denkmals, das südlich der Kirche auf dem ehemaligen Friedhof stehen sollte. Bei den Ausschachtungen für das Fundament stießen die Arbeiter bald auf die Knochen des alten Münsterfriedhofes.

Der Fabrikant F.W.R. Böckelmann, erster Vorsitzender des Ortverbandes soldatischer Vereine, übernahm entschlossen die Leitung des Denkmalsauschusses. Dieser veranstaltete ein Preisausschreiben, die eingegangenen Modelle wurden im Rathaus ausgestellt.

Man entscheidet sich für “Opfertod!” Sein Schöpfer ist der junge Bildhauer Ernst Paul Hinckeldey aus Rothenburg o. d. Tauber.

Nach der Entscheidung nimmt Hinckeldey in Herford Quartier. Als Atelier wird ihm die ungenutzte Turnhalle des ehemaligen Lehrerseminars, heute Königin-Mathilde-Gymnasium, zur Verfügung gestellt. Die Stadt muss die Räume von der Regierung in Minden anmieten. Der erste Mietvertag vom 1. Mai 1926 bis zum 1. Mai 1927 muss allerdings mehrmals verlängert werden.  Hinckeldey ist mit dem Denkmal noch nicht fertig und die Werkstatt steht voll, da er das Atelier auch für andere Arbeiten nutzt.

Der “Opfertod”  ist der erste größere Auftrag für Hinckeldey. Es wird ein Werk von außergewöhnlicher Ausdruckskraft. Nichts ist edel an diesem Drama, das sich vor den Augen des Betrachters abspielt. Noch vor der Fertigstellung des Denkmals schreibt die Neue Westfälische Volkszeitung 1926: “Die furchtbare Tragik des Weltkrieges wird in ihm ergreifenden Ausdruck finden, der Held, der Jüngling, in der Blüte seiner Kraft ist zusammengebrochen, er stirbt den Tod für das Vaterland. Der Vater, der Freund, der Kamerad, trägt den Todwunden, gebeugt von Leid, aber stark in dem Glauben an die erlösende, befreiende Kraft des Opfertodes und die ewig sich erneuernde Kraft des Volkes. So wird das Herforder Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkrieges Ausdruck sein des Schmerzes und der Trauer um die Toten, aber auch Ausdruck des Dankes und der Liebe und des Opferwillens für Volk und Heimat”.

Der Sockel trug mehrere Inschriften. So fand sich auf der Frontseite der Spruch aus Johannes 15, Vers 13:
Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde.

 

Auf der Rückseite befand sich die Widmung:
Im Kampfe für Deutschlands
Freiheit und Größe
fielen 1168 Söhne der Stadt Herford.
Den gefallenen Kameraden errichtet dieses Ehrenmal
der Ortsverband soldatischer Vereine
unter Mitwirkung von Stadt
und Bürgerschaft
1927

 

Am Totensonntag 1927 wurde das Denkmal feierlich eingeweiht. Schnell fand es tiefen Anklang in der Bevölkerung. Oft wurden Blumen am Sockel niedergelegt. Doch schon nach kurzer Zeit drohte ihm Gefahr. Wie die Skulpturen von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach, die dem Herforder Denkmal im Ausdruck nahe standen, rückte auch das Kriegerehrenmal bald ins Visier der Nazis. Bereits am 24. Mai 1940 empfiehlt der Stadtrat, das Denkmal der Kriegsmetallspende zu übergeben. Schon vorher fand ein Gespräch zwischen dem Kreispropagandaleiter Schulz und Hinckeldey statt. Hinckeldey steht nicht mehr zu seiner Arbeit. Von seiner Seite gibt es keinen Widerspruch. Danach wird intern entschieden, das Denkmal zu entfernen.

Am 7. Juni 1940 entschied das mittlerweile eingeschaltete Propagandaministerium in Berlin, dass das Denkmal “dem Wunsche der Bevölkerung, Partei und Presse entsprechend der Metallspende zugeführt wird.” In der Nacht zum 13. Juni 1940, gegen 4 Uhr, wird es als erstes Denkmal Herfords still und leise demontiert. Erst nachdem der Platz geräumt ist, wird die Herforder Öffentlichkeit informiert. Als nach dem Krieg der Wunsch laut wird, Wittekind ein neues Denkmal zu setzten, gibt es prominente Stimmen aus der Bürgerschaft, die stattdessen das Kriegerehrenmal rekonstruiert sehen wollen. Zu ihnen gehören der Künstler Alf Welski und Georg Heese.

Bei der Diskussion in der Herforder Denkmalsfrage meldete sich am 10. Juli 1956 Georg Heese öffentlich zu Wort. Die Streitgespräche wurden durch die Planung um das neue Wittekinddenkmal angeregt, das nicht in allen Kreisen der Bevölkerung auf Akzeptanz stieß.

 

“Über den Wert eines Kunstwerkes wird es nie eine einhellige Meinung geben – persönlicher Geschmack, vor allem aber die Tiefe des Empfindungsvermögens sind bei den Menschen recht verschieden. Dennoch kann der Schlußsatz im letzten Leserbrief des Vorsitzenden des “Denkmalsverein Wittekind e.V.” (Rechtsanwalt Wolff M.P.) nicht unwidersprochen bleiben.

In ihm wurde unter Bezugnahme auf das von dem vor fast vier Jahren verstorbenen Bildhauers E.P. Hinckeldey geschaffene Ehrenmal vor dem Münster gesagt, dass es wohl von einer Handvoll Kunstsachverständiger anerkannt, von der großen Mehrheit der Bürgerschaft aber niemals verstanden worden sei und daher bis zu seinem Ende stets umstritten gewesen sei. Es sei zunächst daran erinnert, dass erst vor wenigen Wochen der Gedächtnisausstellung im Heimatmuseum sehr ehrende Worte für den Schöpfer des Ehrenmals gesprochen wurden – es war dies eine nachträgliche Anerkennung eines Künstlers, der vor 30 Jahren auch in der internationalen Presse als der “Gotiker unserer Zeit” bezeichnet worden war.

Sachlich sei zur Geschichte seines unter dem Motiv “Opfertod” stehenden Ehrenmals folgendes gesagt: Der Entwurf, dem das Original genau entsprach, war nicht von “einigen Kunstsachverständigen” aus einer Reihe anderer Wettbewerbsarbeiten ausgewählt worden, sondern von einer aus angesehenen Bürgern der Stadt und Vertretern der soldatischen Vereine bestehenden Kommission. Bei der Weihe des Ehrenmals am 20. November 1927 wurde in allen Berichten der starke, von dem Denkmal ausstrahlende Eindruck hervorgehoben, ebenso seine geistige Verbundenheit mit dem Münsterbau. Allerdings handelte es sich nicht um ein Denkmal vom Stil jenes “Denkmalsfabrikanten” aus Charlottenburg, der damals Städte und Dörfer in ganz Deutschland mit seinen bis auf den “letzten Gamaschenknopf” naturgetreuen Kriegergestalten überflutete. Hinckeldeys herbe Darstellung des Leidensweges eines Volkes verlangt nach dem Herzen der Beschauer, nicht nur nach seinen Augen.

Gewiss – nicht jeder hat die Fähigkeit, den tiefsten Sinn eines Kunstwerkes sofort oder überhaupt zu verstehen. Die Herforder wurden mit dem Denkmal immer vertrauter, bis nach 1933 eine bewusst gelenkte Propaganda den Menschen – wie so vieles andere auch – einsuggerierte, das Ehrenmal sei unheldisch und daher abzulehnen. Es wurde parteiamtlich in die Sparte “entartete Kunst” eingestuft, wie so manches andere und heute wieder anerkannte große Kunstwerk.

Im Kriege besorgte eine irregeleitete Jugend den Rest: Eines Nachts hängten Halbwüchsige dem Ehrenmal ein Pappschild um mit etwa der Aufschrift: “Wir fühlen uns hier überflüssig und wollen in anderer Form dem Führer dienen”. Diese bestellte Arbeit gab der Kreisleitung der Partei den willkommenen Anlaß, das Ehrenmal im frühen Morgendämmern – das schlechte Gewissen wurde dabei sichtbar – entfernen zu lassen und dem Schmelzkessel zu überliefern.

Es erschien mir notwendig, diese noch niemals veröffentlichten Einzelheiten vom Leidensweg eines Kunstwerkes und damit auch des Künstlers – zahlreiche weitere seiner Denkmale wurden damals entfernt, andere künstlerisch wertlose Figuren blieben erhalten – zu veröffentlichen. Viele Herforder und nicht nur “einige Kunstsachverständige” fühlten schmerzlich die entstandene Lücke vor dem Münster.

Und was noch nicht bekannt ist: Nach dem Krieg sprach der seinerzeitige Präsident der UNESCO- der in Paris Werke von Hinckeldey gesehen hatte- den Wunsch aus, einen Bronzeguss des Herforder Ehrenmals zu erwerben. Leider mußte ihm mitgeteilt werden, dass Denkmal und Modell ein Opfer des Krieges geworden waren. So ganz abseitig scheint unser Ehrenmal also doch nicht gewesen zu sein.”

 

G. Heese, Herford

 

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