Abteistele

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Eingeweiht 25. März 1990
Münsterkirche
Bronze, 3,30 m hoch
Glocken- und Kunstgießerei Petit & Gebr. Edelbrock, Gescher
Kosten (geschätzt): 100.000 DM

Stifter: Dieter Ernstmeier (*1939  –  † 2002)

Künstler: Ulrich Henn (*06.03.1925 in Schwäbisch Hall)
Bildhauer sakraler Kunst,
ab 1948 selbstständig als Bildhauer mit Atelier in Stuttgart.
Er wohnt und arbeitet seit 1962 in Üxheim-Leudersdorf.
Ersten Aufträgen für Restaurierungen in Holz und Stein folgen eigenständige Arbeiten für Kirchen und im öffentlichen Raum. 
Henn hat internationalen Ruf. Er hat unter anderem die Bronzeportale an der neuen anglikanischen Kathedrale in Washington geschaffen.
Der rüstige Bildhauer ist noch immer aktiv und arbeitet gerade an einem neuen Projekt.

Im Jahr 1989 wurde das 1.200 jährige Jubiläum des Stiftes Herford gefeiert. Das nächste Jahr wurde zum Jahr der Stift und Stadt würdigenden Denkmale. Neben dem Fürstenaudenkmal und dem Hansebrunnen wurde auch die Abteistele am Münster gesetzt, mit deren Einweihung Ende März 1990 der Reigen eröffnet wurde.
Die Stadtväter fielen zu diesem Thema vor allem durch unendliche Diskussionen auf. Die Initiative wurde Vereinen und Privatpersonen überlassen. Einer dieser Initiatoren war der Herforder Unternehmer Dieter Ernstmeier, ein ausgesprochen liebenswerter und engagierter Bürger. Ein Glücksfall für diese Stadt. Vieles, was er in dieser Stadt bewegte, wurde ohne große Öffentlichkeit umgesetzt. Erinnert sei hier an die Stiftung mehrerer Kirchenglocken, die heute den Klang in dieser Stadt mitbestimmen.
Ernstmeier wollte ursprünglich für Königin Mathilde ein Denkmal schaffen lassen. 

Die Wahl des Künstlers fiel ihm leicht. Ulrich Henn war ihm bestens bekannt. Bereits 1970 hatte der in seinem Auftrag das große Kreuz in der Münsterkirche gestaltet, über dessen Standort im Oktober 2008 heftig diskutiert wurde. Nach Gesprächen mit dem Künstler beschloss man schließlich, mit einem außergewöhnlichen Denkmal das gesamte Wirken der Herforder Stiftdamen zu würdigen. 

Als am Donnerstag vor der Einweihung die Großplastik zur Abteigeschichte von einem Kran auf die Pflasterfläche vor der Münsterkirche abgesenkt wurde,  hatte sie keinen offiziellen Namen. Der provisorische Arbeitstitel war Abteistele. Doch, wie das so ist mit Provisorien in Herford, es blieb dabei. Am Sonntag, dem 25. März 1990, wurde das 3,30 m hohe Werk Stadt und Kirchengemeinde übergeben. Im Anschluss an den Gottesdienst im Münster traf sich, wie später die  Presse berichtet, “die politische, kulturelle und kirchliche Prominenz der Stadt an dem Standbild”. Auch eine Frauengruppe der Münstergemeinde und etwa 60 Bürger drängten sich im Nieselregen um das Denkmal. Pfarrer Dr. Gerhard Meuß erläuterte bei seiner Rede, die Abteistele sei ein dem eindeutigen Verständnis verpflichtetes Werk. So soll auf das segensreiche Wirken der Stiftsdamen für die Menschen der Stadt hingewiesen werden. Ernstmeier erklärte, dass der Künstler in vorbildlicher Weise die “Eindringlichkeit des Selbstverständlichen” dargestellt hat. Auch der heutige Landrat Christian Manz sprach in seiner Funktion als stellvertretender Bürgermeister. Er lobte des Künstlers Werk und meinte: “Dieses Werk dürfte eines der schönsten und sinnvollsten Geschenke sein, die die Stadt in letzter Zeit bekommen hat.”

Das Werk erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Es zwingt zur Aufmerksamkeit, eine Würdigung im Vorbeigehen ist unmöglich. Der Betrachter muss sich das Denkmal Schritt für Schritt erarbeiten. Am stilisierten Baum steigen 7 einander umschlungene Wurzelstränge zu einer, wiederum in 7 Fächer unterteilten, Krone empor, bevor sich ihre Spitze kelchartig dem Himmel öffnet, um, wie mit geöffneten Händen, Gott um Hilfe zu bitten. Die sechs Bilder zwischen dem Astwerk symbolisieren die Lehre des christlichen Glaubens und der Barmherzigkeit. Grundlage der Darstellungen ist der Text aus dem Matthäusevangelium (Math.25, 31-36): Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Durstige tränken, Gäste beherbergen, Hungrige speisen. Das siebte Bild ist etwas Besonderes. Zeigt es doch als einziges eine agierende  Darstellung. Eine Offensive für die Zukunft, die Lehre. Es zeigt eine Nonne, die drei Kinder in der christlichen Lehre unterrichtet. Sie stellt den Auftrag an die Menschen dar, den christlichen Glauben zu verbreiten. Die Verkündigung und das Vorleben von christlichen Tugenden sowie die Verbreitung und auch das Wachstum des Glaubens ist ein Hauptanliegen des Damenstiftes gewesen. Ulrich Henn erläuterte: “Dieser Baum steht für Herford als Pflanzstätte christlichen Glaubens”.

Besonders gefreut hat den Initiator und Stifter Dieter Ernstmeier, dass dieses Denkmal ohne großen Widerspruch an dem von ihm gewünschten Standort auf dem Kirchengelände aufgestellt wurde. Sicher hatte er dabei die Endlosdiskussionen um den Standort des Fürstenaudenkmals und des Hansebrunnens vor Augen. Gegenüber der Öffentlichkeit verwies er nicht nur auf die ausgezeichnete Wirkung des Standbildes, sondern betonte ausdrücklich, dass ihm sehr wichtig gewesen sei, dass kein Ausschuss und kein Gremium dem Künstler dreinreden konnte. Dem schwäbischen Bildhauer Henn wurde lediglich das Thema vorgegeben, die Gestaltung blieb ihm überlassen.

Mit dem Münsterpresbyterium wurde ohne Probleme eine Absprache zum Standort getroffen. Und dass der letztendlich nicht ganz genau dem Wunsch entsprach, lag ausschließlich daran, dass sich an dieser nur wenige Schritte entfernten Stelle ein Kanaldeckel befand.   

Noch heute ist das Standbild bewunderter Blickpunkt am Münster. Dass die dazugehörende, mittlerweile zugewachsene Hinweistafel lieblos an einer Steinbank in der Nähe des Kantorhauses angebracht wurde, ist jedoch mehr als ärgerlich.